Pivot Points berechnen: Unterstützung und Widerstand

Pivot Points berechnen: Unterstützung und Widerstand

Wer regelmäßig an Finanzmärkten handelt, stößt früher oder später auf Pivot Points. Diese rechnerisch ermittelten Preismarken stammen ursprünglich aus dem Parkett-Handel der 1970er und 1980er Jahre. Damals nutzten Börsenhändler in Chicago die Schlusskurse des Vortages, um vor Handelsbeginn zu berechnen, wo sich der Markt wahrscheinlich drehen würde. Die Logik dahinter ist simpel: Preisbewegungen sind nicht zufällig, sondern tendieren dazu, an bestimmten rechnerischen Marken innezuhalten oder umzukehren.

Was Pivot Points eigentlich sind

Ein Pivot Point ist ein gewichteter Durchschnittswert aus dem Hoch, dem Tief und dem Schlusskurs der vorangegangenen Handelsperiode. Das Ergebnis gilt als zentraler Referenzpunkt für den laufenden Handelstag. Rund um diesen Zentralpunkt werden weitere Unterstützungs- und Widerstandslevels berechnet, die üblicherweise als S1, S2, S3 (Support) und R1, R2, R3 (Resistance) bezeichnet werden.

Das Besondere an Pivot Points im Vergleich zu anderen technischen Indikatoren: Sie werden nicht aus dem aktuellen Kursverlauf abgeleitet, sondern rein mathematisch aus den Daten der Vorperiode bestimmt. Sie sind deshalb vollständig objektiv und lassen sich von jedem Trader reproduzieren, der dieselben Ausgangsdaten verwendet.

Die klassische Formel Schritt für Schritt

Die Berechnung nach der klassischen Methode folgt einem festen Schema. Gegeben seien die Tagesdaten eines Handelstages mit einem Hoch von 148,50 Euro, einem Tief von 144,20 Euro und einem Schlusskurs von 146,80 Euro.

Der Pivot Point ergibt sich aus dem Durchschnitt dieser drei Werte:

PP = (Hoch + Tief + Schlusskurs) / 3
PP = (148,50 + 144,20 + 146,80) / 3 = 146,50 Euro

Aus diesem Zentralwert werden dann die Unterstützungs- und Widerstandslinien abgeleitet:

  • R1 = (2 x PP) minus Tief = (2 x 146,50) minus 144,20 = 148,80 Euro
  • R2 = PP plus (Hoch minus Tief) = 146,50 plus 4,30 = 150,80 Euro
  • S1 = (2 x PP) minus Hoch = (2 x 146,50) minus 148,50 = 144,50 Euro
  • S2 = PP minus (Hoch minus Tief) = 146,50 minus 4,30 = 142,20 Euro

Das Ergebnis ist ein vollständiges Raster aus fünf Preismarken, die den Handelstag in klar definierte Zonen unterteilen. Notiert der Kurs oberhalb des Pivot Points, gilt das als bullisches Signal. Bewegt er sich darunter, überwiegt die bärische Interpretation.

Varianten der Berechnung

Neben der klassischen Methode haben sich im Laufe der Zeit alternative Berechnungsansätze etabliert, die jeweils andere Gewichtungen setzen. Die wichtigsten Varianten im Überblick:

Methode Besonderheit
Klassisch (Standard) Gleichgewichtung von Hoch, Tief und Schluss
Woodie Doppelte Gewichtung des Eröffnungskurses
Camarilla Engere Level, stärkere Betonung von Umkehrzonen
Fibonacci Kombination mit Fibonacci-Retracements (38,2 %, 61,8 %)
DeMark (DM) Abhängig vom Verhältnis Eröffnung zu Schluss

Für Einsteiger empfiehlt sich zunächst die klassische Variante, da sie am transparentesten ist und sich mit verbreiteten Tools leicht überprüfen lässt. Wer tiefer einsteigen möchte, findet auf Plattformen wie Pivot Points Daytrading detaillierte Erklärungen zu den einzelnen Methoden sowie interaktive Berechnungstools.

Anwendung im Tageshandel

Pivot Points sind primär für den kurzfristigen Handel konzipiert. Im Daytrading werden täglich neue Level auf Basis der vorangegangenen Session berechnet. Im Swing-Trading nutzen manche Trader wöchentliche Pivot Points, also berechnet aus dem Wochenhoch, -tief und -schluss der Vorwoche.

Ein typisches Anwendungsszenario: Der DAX eröffnet bei 18.320 Punkten. Der Pivot Point für den Tag liegt bei 18.350, R1 bei 18.490 und S1 bei 18.210. Steigt der Kurs nach der Eröffnung auf 18.350, beobachten viele Trader genau, ob dieser Wert als Widerstand hält oder ob der Kurs darüber schließt. Ein klares Schließen über dem Pivot Point gilt als Einstiegssignal für eine Long-Position mit Kursziel R1.

Umgekehrt: Fällt der Kurs auf S1 bei 18.210 und hält dieses Level, bietet sich für aggressive Trader ein Long-Einstieg an. Wird S1 nach unten durchbrochen, rückt S2 als nächste potenzielle Unterstützung in den Fokus.

Typische Fehler und wie man sie vermeidet

Pivot Points sind keine Garantien. Sie zeigen an, wo Reaktionen wahrscheinlich sind, nicht wo sie zwingend stattfinden werden. Der häufigste Fehler besteht darin, einen Trade allein aufgrund eines Pivot-Level-Kontakts einzugehen, ohne Volumen, Candlestick-Muster oder Marktstimmung zu berücksichtigen.

Ein zweiter Fehler: die falsche Zeitzone. Pivot Points für den deutschen Aktienmarkt oder den Euro-Stoxx sollten auf Basis der XETRA-Handelszeiten berechnet werden, nicht auf Basis von US-Schlusskursen. Wer CFDs auf amerikanische Indizes handelt, sollte dagegen auf die New Yorker Schlusszeit abstellen. Eine Verwechslung der Bezugszonen führt zu systematisch verschobenen Leveln.

Drittens: Pivot Points verlieren ihre Aussagekraft bei extrem niedrigem Volumen, etwa in den ersten und letzten Minuten einer Handelssession oder rund um Feiertage. In solchen Phasen reagieren Kurse weniger zuverlässig auf rechnerische Marken.

Kombination mit anderen Indikatoren

Die größte praktische Stärke von Pivot Points entfaltet sich in Verbindung mit anderen Analysemethoden. Trifft ein Pivot-Level mit einem gleitenden Durchschnitt zusammen, etwa dem 20-Perioden-EMA, verstärkt das die Signalqualität erheblich. Ähnliches gilt für Fibonacci-Retracements: Liegt S1 in der Nähe des 61,8-Prozent-Retracements einer vorangegangenen Aufwärtsbewegung, sprechen Techniker von einer Konfluenzzone. Solche Zonen werden von institutionellen Marktteilnehmern besonders häufig als Einstiegs- oder Ausstiegspunkte genutzt.

Auch Volumenprofile passen gut zu Pivot Points. Liegt ein Pivot Point nahe dem Point of Control einer vorangegangenen Session, also dem Preisniveau mit dem höchsten gehandelten Volumen, steigt die Wahrscheinlichkeit, dass dieser Bereich auch im aktuellen Handel eine Rolle spielt.

Pivot Points sind kein Wundermittel und ersetzen keine vollständige Marktanalyse. Aber sie liefern ein objektives, tagesübergreifend reproduzierbares Raster, das sich in vielen Märkten bewährt hat und sowohl für manuelle Trader als auch für algorithmische Systeme gut nutzbar ist.