Handwerk als Wirtschaftsfaktor in hessischen Gemeinden

Handwerk als Wirtschaftsfaktor in hessischen Gemeinden

Wer durch hessische Kleinstädte fährt, sieht sie überall: Handwerksbetriebe, die seit Jahrzehnten dasselbe Schild über der Tür hängen haben. Der Zimmerer am Ortsrand, die Elektrikerin im Gewerbegebiet, der Bäcker mit angeschlossener Konditorei. Diese Betriebe gelten vielerorts als selbstverständlich, dabei sind sie ein tragender Pfeiler der regionalen Wirtschaft, der im öffentlichen Diskurs zu selten die Aufmerksamkeit bekommt, die er verdient.

Was das Handwerk für Hessen in Zahlen bedeutet

In Hessen gibt es laut aktuellen Erhebungen rund 65.000 Handwerksbetriebe, die zusammen mehr als 380.000 Menschen beschäftigen. Damit ist das Handwerk einer der größten privaten Arbeitgeber im Bundesland, noch vor vielen Industrie- und Dienstleistungssektoren, über die deutlich mehr gesprochen wird. Der Jahresumsatz des hessischen Handwerks liegt im zweistelligen Milliardenbereich. Besonders stark vertreten sind das Bauhauptgewerbe, Sanitär-, Heizungs- und Klimatechnik sowie das Kfz-Gewerbe.

Was diese Zahlen nicht zeigen: Ein erheblicher Teil dieser Wertschöpfung bleibt in den Gemeinden selbst. Handwerker kaufen Material bei regionalen Baustoffhändlern, beauftragen lokale Steuerberater und bilden Jugendliche aus der näheren Umgebung aus. Anders als Filialunternehmen oder Online-Plattformen fließen die Gewinne nicht in ferne Konzernzentralen, sondern in den lokalen Wirtschaftskreislauf zurück. Das Handwerk funktioniert in dieser Hinsicht strukturell anders als der Handel oder die Industrie.

Mittelzentren unter Druck, Betriebe unter Nachwuchsmangel

Die Lage ist jedoch nicht ohne Schatten. In vielen hessischen Mittelzentren fehlt Nachwuchs. Handwerksbetriebe berichten seit Jahren, dass sie Ausbildungsstellen nicht besetzen können. Die Ursachen sind bekannt: der gesellschaftliche Vorrang akademischer Bildungswege, vergleichsweise niedrige Einstiegsgehälter in manchen Gewerken und das Image körperlicher Arbeit, das bei jüngeren Generationen nicht mehr selbstverständlich positiv besetzt ist.

In Gemeinden wie Lauterbach im Vogelsberg oder Homberg in Nordhessen spitzt sich das Problem demografisch zu. Wenn ein Klempnereibetrieb ohne Nachfolge schließt, übernimmt nicht zwingend ein anderer Betrieb das Versorgungsgebiet. Für ältere Einwohner ohne Auto kann das bedeuten, dass sie bei einer defekten Heizung wochenlang auf einen Termin warten. Das Handwerk ist eben auch Daseinsvorsorge, auch wenn dieser Begriff in der Kommunalpolitik meist für andere Bereiche reserviert bleibt.

Die Rolle übergeordneter Berufsorganisationen

Betriebe im Handwerk agieren selten völlig allein. Ein Netz aus Innungen, Kreishandwerkerschaften und Handwerkskammern strukturiert die Branche. Diese Organisationen übernehmen Aufgaben, die einzelne Kleinbetriebe nicht leisten könnten: Sie verwalten das Verzeichnis der Ausbildungsverhältnisse, organisieren überbetriebliche Lehrgänge, vertreten Interessen gegenüber der Politik und bieten rechtliche Beratung. Wer sich einen Überblick über die Aufgaben und die Struktur solcher Institutionen verschaffen möchte, findet auf handwerkskammer.net gebündelte Informationen dazu.

Für hessische Betriebe sind die zuständigen Handwerkskammern in Frankfurt am Main, Kassel und Wiesbaden maßgeblich. Sie vergeben Meisterbriefe, prüfen Betriebsgründungen auf die handwerksrechtlichen Voraussetzungen und begleiten Betriebe bei der Digitalisierung. Gerade letzteres wird zunehmend wichtig: Wer heute keine Online-Präsenz hat, ist für viele potenzielle Kunden faktisch unsichtbar. Kammern versuchen, diese Lücke durch Beratung und Förderprogramme zu schließen.

Handwerksrecht und gesetzlicher Rahmen

Das Handwerk ist in Deutschland stark reguliert, was Qualitätssicherung und Verbraucherschutz dient, aber auch eine Markteintrittsschranke darstellt. Die Grundlage bildet die Handwerksordnung, die festlegt, welche Tätigkeiten zulassungspflichtig sind und welche Qualifikationen dafür nachgewiesen werden müssen. Den vollständigen Gesetzestext findet man beim amtlichen Portal gesetze-im-internet.de. Seit der Novellierung im Jahr 2004, die zahlreiche Gewerbe vom Meisterzwang ausnahm, diskutiert die Branche regelmäßig, ob die Rückkehr zur Meisterpflicht in mehr Bereichen sinnvoll wäre. Einige Gewerke wie die Fliesenleger wurden 2020 wieder in die Anlage A der Handwerksordnung aufgenommen.

Für Kommunen ist dieser rechtliche Rahmen relevant, wenn es um die Vergabe öffentlicher Aufträge geht. Wer als Gemeinde einen Schulhof sanieren oder ein Feuerwehrgerätehaus umbauen lässt, ist auf zuverlässige, qualifizierte Betriebe angewiesen. Die öffentliche Auftragsvergabe kann Handwerk in der Region stärken oder schwächen, abhängig davon, ob Aufträge kleinteilig ausgeschrieben werden, sodass lokale Betriebe bieten können, oder ob sie gebündelt werden und nur für große überregionale Unternehmen erreichbar sind.

Was Gemeindepolitik konkret tun kann

Die Kommunalpolitik hat mehr Hebel in der Hand, als oft bewusst ist. Folgende Ansätze haben sich in hessischen Gemeinden bereits als wirksam erwiesen:

  • Kleinteilige Auftragsvergabe: Bauleistungen unter dem EU-Schwellenwert können bevorzugt in Losen ausgeschrieben werden, sodass regionale Handwerksbetriebe realistische Chancen haben.
  • Gewerbeflächen zu fairen Konditionen: Gerade junge Meister, die sich selbstständig machen, scheitern oft an zu hohen Miet- oder Kaufpreisen für geeignete Werkstatträume.
  • Kooperation mit Schulen: Gemeinden können Kontakte zwischen lokalen Handwerksbetrieben und Schulen aktiv fördern, Berufsorientierungsprojekte unterstützen und damit dem Nachwuchsmangel gegensteuern.
  • Förderprogramme kommunizieren: Viele Betriebe kennen Landes- oder Bundesförderprogramme für Energieeffizienz oder Digitalisierung nicht. Gemeinden können als Vermittler auftreten.

Handwerk und Energiewende: eine unterschätzte Verbindung

Die Energiewende wird ohne Handwerk nicht gelingen. Das gilt bundesweit, aber besonders in der Fläche. Wärmepumpen müssen eingebaut, Photovoltaikanlagen angeschlossen und Gebäude gedämmt werden. All das sind handwerkliche Tätigkeiten, für die qualifiziertes Personal gebraucht wird. Der Fachkräftemangel ist hier besonders spürbar: Installateure und Elektrobetriebe in vielen hessischen Landkreisen haben Wartezeiten von mehreren Monaten, manchmal länger.

Die Bundesregierung hat das Problem erkannt und Programme aufgelegt, die Betriebe bei der Erweiterung ihrer Kapazitäten unterstützen sollen. Doch Fördermittel allein schaffen keine Fachkräfte. Ausbildung braucht Zeit, und die Demografie gibt wenig Spielraum. Die hessischen Gemeinden, die jetzt in Berufsorientierung investieren, werden in zehn Jahren besser dastehen als jene, die das Thema weiter vertagen.

Das Handwerk ist in Hessen kein Relikt, es ist Gegenwart und Zukunft. Wer kommunale Wirtschaftspolitik ernsthaft betreibt, kommt an diesem Sektor nicht vorbei.